Barbara Minderjahn
Cem-Häuser statt Moscheen und
Beten zum Nachbarn statt gen Mekka
Türkei: Diskriminierung der
Alewiten wegen deren anderem islamverständnis
Wer eine sunnitische Moschee kennt und zum ersten Mal
das Gebetshaus der Alewiten, ein sogenanntes "Cem-Haus" betritt, sieht auf
den ersten Blick einen der wichtigsten Unterschiede zwischen diesen beiden
Glaubensrichtungen des Islam: Während die Gläubigen in einer Moschee ihre
Gebete in Richtung Mekka sprechen, sind die Reihen eines "Cem-Hauses"
kreisförmig angeordnet. Die Sunniten beten nach Mekka, die Alewiten schauen
sich beim Beten gegenseitig an. Öznur, die 25jährige Journalistin eines
alewitischen Radiosenders in Istanbul, erklärt, welche Überzeugung dahinter
steht: "Allah ist in jedem von uns. Indem wir uns gegenseitig anbeten, beten
wir Allah an." Im Alewitentum steht der Mensch im Zentrum des Glaubens. Er
ist kein Sklave Gottes, sondern mündig und eigenverantwortlich. "Und das ist
auch der Grund, warum bei uns Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Bei
den Sunniten beten Männer und Frauen getrennt. Bei uns beten alle zusammen."
Vor allem weil das Alewitentum eine dem Menschen zugewandte Religion ist und
sie untereinander prinzipiell gleich stellt, hält Öznur ihren Glauben für
moderner und besser als das Sunnitentum. Darüber hinaus sei er
möglicherweise sogar der einzige Weg, die gesellschaftlichen Spannungen in
der Türkei langfristig zu lösen. Öznur spricht ein Thema an, das türkische
Intellektuelle bereits seit einiger Zeit heftig diskutieren. Es geht um den
Bruch zwischen der von einer westlich orientierten Elite vertretenen Idee
eines modernen säkularen Staates einerseits und einer traditionell islamisch
geprägten Gesellschaft andererseits. Gerade in den letzten Jahren sind die
gesellschaftlichen Kräfte, die eine Rückkehr zu den traditionellen Werten
fordern, stärker geworden. Worauf der am westlichen Modell orientierte Staat
mit zunehmender Härte reagiert hat. Doch mittlerweile ist Vielen klar, dass
diese Konfrontation einer der größten Hemmschuhe für die türkische
Entwicklung darstellt. Ein Beitritt in die EU beispielsweise ist kaum
vorstellbar, so lange die Armee immer wieder in das politische Geschehen
eingreift, um die vom Volk gewählte, aber als verfassungsfeindlich
betrachteten islamistischen Parteien und Parteiführer abzusetzen. Genau bei
diesem Konflikt zwischen säkularem Staat und Islamismus könnte das
Alewitentum eine Lösung sein, glaubt Öznur.
Moderner Islam?
Das Alewitentum also als idealer Repräsentant eines modernen Islams? Die
Mehrheit der türkischen Bevölkerung sieht das anders. Und das hat auch
historische Gründe. Schon im osmanischen Reich, dem Vorgänger der heutigen
Türkei, tolerierten die sunnitischen Herrscher keine zweite islamische
Glaubensrichtung neben der ihren. Die Alewiten waren also gezwungen, ein
religiöses und kulturelles Untergrunddasein zu führen oder sich zu
assimilieren. So entstanden die rein alewitischen Glaubensgemeinschaften am
Rande der islamischen Gesellschaft, die ihren Glauben Jahrhunderte lang
verbargen. Heute ist der alewitische Glaube zwar nicht mehr staatlich
verboten. Trotzdem werden die Alewiten in dem mehrheitlich sunnitischen Land
häufig noch diskriminiert und sogar verfolgt. Im Juli 1993 beispielsweise
kam es in der Stadt Sivas zu einer Katastrophe. Dort hatten sich wie jedes
Jahr zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler und andere
Angehörige der religiösen Minderheit zu einer Kulturwoche getroffen, um das
Andenken des großen alewitischen Dichters Pir Sultan Abdal zu ehren. Als die
von militanten Islamisten angeführten Sunniten nach dem Freitagsgebet auf
die Minderheit losgingen, flüchtete diese sich zunächst in ein Hotel. Es
ging in Flammen auf. 33 Menschen, darunter bedeutende türkische Künstler,
starben. Die Sicherheitskräfte hätten die Katastrophe vielleicht verhindern
können. Aber sie griffen zu spät ein. Ähnliches geschah zwei Jahre später in
Istanbul. In einem hauptsächlich von Alewiten bewohnten Stadtviertel
überfielen unbekannte Täter am 12. März 1995 mehrere Teehäuser. Dabei
starben zwei Menschen, nach Zusammenstößen mit der Polizei 23 weitere. Eine
aufgebrachte Menschenmenge hatte sich tags darauf versammelt, um gegen die
Verfolgung der Minderheit zu protestieren. Die Polizei löste den
Demonstrationszug gewaltsam auf.
Einer der Gründe für die bis heute anhaltende Diskriminierung sind die
großen Unterschiede zwischen beiden Glaubensrichtungen. Sie berühren das
islamische Grundverständnis. So glauben die Alewiten weder an das fünfmalige
Gebet, noch an den Fastenmonat Ramadan oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Ihre
Rituale sind mystischer Natur. Musik und Tanz begleiten ihre Gebete. Und der
Koran wird nicht wörtlich, sondern spirituell ausgelegt. Weil sie nicht die
reine Glaubenslehre des Islam befolgen, sind die Alewiten in den Augen
vieler Sunniten Ungläubige. "Die Leute verstehen unsere Lebensweise nicht,
weil sie sich nicht damit befassen wollen," sagt Öznur dagegen. In der Tat
ist das allgemeine Verständnis für die Besonderheiten des Glaubens selbst in
der Türkei, wo immerhin ein Fünftel der Bevölkerung Alewiten sind, nur sehr
gering.
Anhänger des Kemalismus
So werden die Angehörigen der religiösen Minderheit oft mit der ethnischen
Minderheit der Kurden gleichgesetzt. Daher werden die Alewiten in den
Konflikt hineingezogen, obwohl ihre Probleme nichts mit dem kurdischen
Separatismus zu tun haben. Im Gegenteil: Die meisten Alewiten sind glühende
Anhänger des Kemalismus. Denn Kemal Atatürk, Gründer des modernen türkischen
Staates und Sinnbild für die Einheit des Landes, hat die Minderheit durch
seine Reformen von noch größerer Unterdrückung befreit. Er hat das
Osmanische Reich in einen laizistischen Staat verwandelt und Religion zur
Privatsache gemacht. Trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen Alewiten und
Kurden. Öznur erklärt: "Unsere Religion kommt ursprünglich aus der gleichen
Region wie auch die Kurden, aus Ostanatolien. Und das hat zu kulturellen
Gemeinsamkeiten geführt. Zum Beispiel in der Musik."
Zwar sind viele Kurden tatsächlich auch Alewiten, aber längst nicht alle.
Und umgekehrt gilt diese Gleichsetzung noch weniger. Auf der kulturellen
Ebene aber sind beide Volksgruppen von den gleichen regionalen Faktoren
beeinflusst worden, so dass die Unterschiede geringer ausfallen. Dichter und
Musiker beider Gruppen sprechen von Freiheit und Verfolgung. Und weil es,
wenn es um Kunst geht, größere Freiheiten gibt, hört man ihnen überall in
der Türkei zu. Doch gerade in den letzten Jahren droht sich der Graben
zwischen den beiden Glaubensrichtungen durch die Reislamisierung der
Gesellschaft wieder zu vertiefen. Um das zu verhindern, engagieren sich
Öznur und ihre Kollegen auch über ihre eigentliche Arbeit als Journalisten
hinaus. Der Radiosender, in dem sie arbeiten, ist Teil eines Kulturzentrums,
das von etablierten alewitischen Bürgern aufgebaut wurde.
Um das Verständnis des Alewitentums zu erhöhen, hat einer der Mitarbeiter
zum Beispiel Bücher über dessen Ursprung gesammelt. Zusammen mit den Werken
berühmter Dichter und anderen kulturhistorisch bedeutenden Bänden bilden sie
eine kleine, aber wertvolle Bibliothek. "Hier sind Bücher, die es sonst
nirgendwo mehr gibt. Einige von ihnen waren lange Zeit verboten. Wir haben
sie entweder im Ausland besorgt oder von Leuten bekommen, die sie jahrelang
irgendwo versteckt haben," erzählt der Bibliothekar. "Auch viele Alewiten
haben keine Ahnung, wie unsere Kultur entstanden ist," sagt Öznur. "Und
deswegen sind diese Bücher wichtig für uns." Die Werke räumen nicht nur mit
der kurdisch-alewitischen Verwechslung auf, sondern gleich mit einem
weiteren Missverständnis: Viele Türken akzeptieren das Alewitentum nicht als
eigenständige Religion, sondern betrachten es als regionale Abart des
Sunnitentums. Auch das aber ist falsch. Die im Herzen Ostanatoliens
entstandene Religion ist zwar in der anatolischen Tradition verwurzelt, aber
durch die Nähe zum schiitischen Iran und den urchristlichen Ländern Armenien
und Georgien haben sich Einflüsse anderer Kulturen und Religionen
eingegraben. Das Alewitentum trägt daher bis heute deutliche christliche und
besonders schiitische Züge, zum Beispiel die Vergötterung Alis, des
Schwiegersohns des Propheten Mohammed.
Dass all dies in der Türkei so wenig bekannt ist, hat allerdings nicht nur,
wie Öznur sagt, mit der Intoleranz der Bevölkerungsmehrheit zu tun. Auch die
Alewiten selbst haben jahrelang auf Abgrenzung gesetzt. So besitzt die
Minderheit eine eigene Rechtsprechung. Und die Heirat mit Nicht-Alewiten ist
den Angehörigen der Glaubensgemeinschaft traditionell verboten. Auch von
alewitischer Seite könnte sich der Graben zwischen den
Glaubensgemeinschaften sogar heutzutage noch vertiefen. Seit geraumer Zeit
fordern die Alewiten immer offener die staatliche Anerkennung ihrer
Religionsgemeinschaft und ein Ende der staatlichen Assimilierungsversuche.
So wollen eigenen Religionsunterricht an der Schulen und Cem-Häuser statt
neuer Moscheen. Wenn diese Forderungen nicht zu mehr Intoleranz, sondern zu
einem harmonischeren Zusammenleben zwischen beiden Bevölkerungsgruppen
führen soll, ist die von Öznur und ihren Kollegen propagierte Verständigung
also in der Tat für alle Seiten wichtig
http://www.bundestag.de/dasparlament/2002/03_4/thema/022.html
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